Abschied vom Abstand? Bitte nein!

Das Virus agiert nach Guerilla-Methode. Vorsicht tut not.

Jeden Tag neue Lockerungen. Und gleichzeitig jeden Tag ein neuer Hotspot. Das eine bedingt offensichtlich das andere. Namhafte Epidemiologien rechnen, dass es noch im Juli bis zu 400 tägliche Neuinfektionen geben könnte. Und der Reproduktionsfaktor sich verdoppeln könnte. Gehen wir zu weit mit den Lockerungen? Gilt die Abstandregel nicht mehr?

Ich will keinen Alarmismus betreiben, sondern lediglich auf mögliche Konsequenzen aufmerksam machen. Das Corona-Virus agiert – um einen Vergleich zu setzen – nach Guerilla-Strategie. Und taucht immer dort auf, wo man nicht damit rechnet. Wenn man nicht rasch Maßnahmen setzt und lokale und regionale Isolationen verordnet, verbreitet sich das Virus exponentiell. Und wird gewissermaßen unbeherrschbar.Das ist in viele Köpfe noch nicht vorgedrungen – auch in jene von Politikern und Wirtschaftern.

Deshalb: Noch mehr Tests, noch mehr  Cluster definieren – man hat ja Erfahrungswerte – und das Tracing intensivieren. Technisch ist das kein Problem, das zeigen uns Großkonzerne wie Amazon und Google täglich. Sie wissen mehr über jeden von uns als wir selbst, wie sie in der Lage sind durch geschickte Algorithmen unsere Tätigkeiten und Aktionen zu verknüpfen und daraus Schlüsse zu ziehen. Dadurch sind ihre Prognosen relativ stimmig.

Wenn nunmehr die Abstandsregeln im Sport und in der Freizeitbeschäftigung aufgehoben werden, auch in Turnhallen und Co., dann kann man die nächste Herde bereits vorausahnen.

Politik und Vertreter der Sportöffentlichkeit beispielsweise sind uns keine Vorbilder: Man muss nur die Medien durchblättern. Abstand gibt es so gut wie gar nicht mehr. Und Masken werden nur noch vereinzelt – wie zum Alibi – getragen.

Offensichtlich ist vielen nicht bewusst, dass sie damit wieder zu Gefährdern und Gefährdeten zugleich werden. Und offensichtlich ist auch der Politik nicht bewusst, dass schon wieder einmal diejenigen am  meisten gefährdet sind, die man in Krisenzeiten am notwendigsten braucht: Die Mediziner und Pflegefachkräfte. Sie sind die Leidtragenden eines immer stärker um sich greifenden Laissez-Faire Denkens.

Kranke Ärzte oder Ärzte, die in Quarantäne müssen, können nicht heilen oder helfen. Sie stecken möglicher Weise ihr Patienten an und müssen sich deshalb besonders schützen. Die Gesundheitsversorgung leidet. Denn neben Corona gibt es die typischen Freizeit-Verletzungen in erhöhtem Ausmaß, weil mehr Menschen hierbleiben, statt zu verreisen und viele ihren Körper überbeanspruchen. Abgesehen davon gilt es immer noch versäumte Operationen und Therapien aufzuholen.

Und ganz ehrlich: Irgendwann haben auch Ärzte ein paar Tage Urlaub und Ruhe verdient. Sie brauchen das auch. Denn nur ausgeruht kann man Patienten optimal versorgen. Es nimmt nicht Wunder, dass Ärzte und KrankenpflegerInnen zu den am stärksten Burn Out gefährdeten Berufen zählen.

Also – nachdenken, bevor man zu rasch lockert und dann wieder – zumindest regional – runterfahren muss. Das tut auch den Bürgern und der Wirtschaft nicht gut.

Ich wiederhole: Wir müssen mit Corona leben und dürfen nicht so tun, als sie der Spuk vorbei. Deshalb: Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen in geschlossenen Räumen!

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres

Präsident der Ärztekammer für Wien

Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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