Aktuelle Gedanken zur Impfpflicht

Bild Impfung

Nach einem exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen im Rahmen der sogenannten vierten Welle hat sich die Politik zum Beschluss einer allgemeinen Impfpflicht durchgerungen. Angesichts der hierzulande immer noch deutlich zu niedrigen Durchimpfungsrate ist diese Entscheidung alternativlos. Es ist schlichtweg unerklärlich, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Falschinformationen aufsitzt und abstrusen Theorien, die in den Echokammern der sozialen Medien verbreitet und befeuert werden, Glauben schenkt. Mitunter entlädt sich die auf diese Weise geschürte Wut bereits in den Ordinationen, darüber hinaus wird vor Spitälern, in denen die Vertreterinnen und Vertreter der Gesundheitsberufe gerade damit beschäftigt sind, Leben zu retten, demonstriert. Diese Form des Protests ist nicht nur sinnlos, sondern entschieden abzulehnen.

Für diese Meinung bin ich die letzten Wochen persönlich digital und auf der Straße beschimpft, beleidigt und angegriffen worden. Das hat mich keinesfalls eingeschüchtert und die Rückendeckung von vielen Kolleginnen und Kollegen bestärkt mich ohne Zögern und mit vollem Einsatz weiterzumachen.

Wir alle sind der ständigen Einschränkungen und Lockdowns überdrüssig. Gerade deshalb braucht es eine hohe Durchimpfungsrate. Als Ärztinnen und Ärzte ist es uns ein großes Anliegen, Menschen, die Sorgen bzw. Ängste im Zusammenhang mit der Impfung hegen, schon vor Februar von einer Schutzimpfung zu überzeugen. Vor allem sind es Gespräche mit der Ärztin bzw. dem Arzt des Vertrauens, die Barrieren und Zweifel zu überwinden vermögen und damit Leben retten können. Ein Warten auf neue bzw. angepasste Impfstoffe ist aufgrund des äußerst dynamischen Infektionsgeschehens keinesfalls zu empfehlen. Gerade im Hinblick auf die neue Variante Omikron ist die Booster-Impfung deutlich wirksamer als der Erst- und Zweitstich.

Eine nicht unwesentliche Bedeutung kommt im Zusammenhang mit der verhängten Impfpflicht auch der Debatte um die Ausstellung von Attesten zur Befreiung zu. Als Ärztekammer vertreten wir den klaren Standpunkt, dass die diesbezügliche Verantwortlichkeit ausschließlich den Amtsärztinnen und Amtsärzten als Vertreter der Gesundheitsbehörden vorbehalten sein sollte. Das würde vor allem ein hohes Maß an Druck von den einzelnen Ärztinnen und Ärzten nehmen. Diesbezüglich pochen wir auf weitere Gespräche mit dem Ministerium.

Ebenfalls unterstützt die Ärztekammer eine Impfpflicht für Gesundheitsberufe. Vor allem im Gesundheitsbereich stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft in direktem Kontakt mit Menschen mit einem geschwächten Immunsystem. Hier trifft uns eine besondere Verantwortung, diese Menschen haben ein Recht darauf, geschützt zu werden. Viele Dienstgeber bzw. Spitalserhalter haben diesbezüglich bereits Maßnahmen getroffen.

Auch über den Umstand, dass Schwangere bzw. Kinder unter 14 Jahren von der allgemeinen Impfpflicht ausgenommen sind, wurde zuletzt medial debattiert. Aus medizinischen Gründen spricht nichts dagegen, Kinder impfen zu lassen. Die Impfstoffe sind auf europäischer Ebene behördlich ab fünf Jahren zugelassen und werden gut vertragen. In der Regel erkranken Kinder zwar nicht schwer, jedoch wird eines von hundert Kindern, das sich mit dem Coronavirus ansteckt, mit einem teilweise schweren Krankheitsverlauf konfrontiert. Das gilt es zu verhindern. Dass Schwangere von der Impfpflicht ausgenommen wurden, ist grundsätzlich nachvollziehbar, vermag aber nichts an dem Faktum zu ändern, dass die Schwangerschaft einen Risikofaktor darstellt. Impfungen sind nicht während der gesamten neun Monate empfohlen, hier ist eine Beratung mit der zuständigen Fachärztin bzw. dem zuständigen Facharzt anzuraten.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde das generische Maskulinum gewählt.

 

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