Appell zum Bleiben! Wir müssen gemeinsam den Exodus der Gesundheitsdienstleister verhindern.

Die Situation ist besorgniserregend: Nahezu jede zweite Pflegekraft überlegt vorzeitig aus dem Job auszusteigen. Nach wie vor gehen zumindest 4von 10 Absolventen der Medizinuniversitäten ins Ausland und bleiben nicht hier. Auch ein Mehr an Studierenden würde die Relation nicht verändern, sondern ausschließlich eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen.

Unter Rahmenbedingungen verstehen wir nicht nur erhebliche und spürbare finanzielle Besserstellung sowohl für Ärzte als auch Pflegekräfte, sondern deutlich mehrPersonal, um geregelte Dienste und Zeit für die Patienten zu garantieren. Seit mehr als einem Jahr arbeiten Österreichs Gesundheitsdienstleister hart an der Schwelle zum roten Bereich. Die Folgen sind: Burnout, Erschöpfung und mitunter auch Zweifel, ob der Beruf, den man erwählt hat, auch der richtige ist.

Da helfen auch gelegentliche Applaussuaden von Politikern nicht. Solange die fundamentalen Rahmenbedingungen nicht geändert werden, wird sich am Abfluss der Gesundheitsberufe nichts ändern. In Deutschland haben Ärzte erfolgreich darum gestreikt, dass zumindest zwei Wochenenden pro Monat garantiert frei sind. Das mag nach wenig klingen, verglichen zu sonstigen Berufen. Ist aber eine deutliche Verbesserung.

In Österreich ist auf weiter Linie nicht einmal das garantiert. Im Gegenteil, Ärzte in Ausbildung sind oft darauf angewiesen, Nachtschichten und Wochenendschichten einzulegen, um halbwegs gut zu leben. Ärzte haben im Schnitt eine längere Ausbildungszeit als alle anderen Berufe, und arbeiten um ein gutes Drittel mehr als der Normangestellte.

Das alles wird in der öffentlichen Debatte viel zu wenig berücksichtigt. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir Redundanzen brauchen, dass Krankenhäuser nicht planbar sind, wie Fabriken, die etwa Möbel oder sonstiges herstellen, und dass vor allem die Krankheitsverläufe individuell höchst unterschiedlich sind.

Wir kennen seit Jahrzehnten die Zustände  in den Pflegeheimen: Zu wenig Personal, zu wenig ausgebildete Kräfte, zu wenig Gehalt und zu wenig öffentliche Anerkenntnis. Wir können uns auch in Zukunft nicht mehr darauf verlassen, dass ein beträchtlicher Prozentsatz der notwendigen Pflege von Angehörigen erbracht werden wird, einfach deshalb, weil die Angehörigen selbst alt sind, oder weil Familienverbände nicht mehr funktionieren. Die Mobilität der Gesellschaft ist ebenso gestiegen, wie es neue Formen von Partnerschaften gibt.

Wenn jetzt die Politik eine Erhöhung der Studierendenanzahlen an medizinischen Universitäten einfordert, dann ist sie nicht bereit die Rahmenbedingungen zu ändern, sondern obliegt dem Trugschluss der Milchmädchenrechnung.

Solange die Chancen für Absolventen an österreichischen Universitäten nicht deutlich verbessert werden, werden viele es vorziehen ins Ausland zu gehen: Wegen der Bezahlung, wegen der Arbeitsbedingungen und möglicherweise auch wegen der Karrierechancen.

Dasselbe gilt für die Pflege: Wir können nicht rechnen, dass auch in Zukunft weiterhin 90% der mobilen Pflegekräfte  aus dem Ausland kommen. Allein die Bedarfslücke beträgt in den kommenden 10 bin 15 Jahren mehr als 100.000.

Damit werden aber nicht Qualitätsdifferenzen geschlossen, sondern rein quantitative Lücken. Deshalb gerade jetzt: Die Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem ändern, mehr Geld in die Hand nehmen und langfristig die Ausbildungsqualität erhöhen. Das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Wer sich heute entschließt Medizin zu studieren oder eine akademische Pflegeausbildung zu absolvieren, braucht zwischen 5 und 15 Jahren, ehe er den Beruf ausüben kann.

Was tun in der Zeit dazwischen? Dahinwurschteln geht nicht. Das ist klar.

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