Bilanz und Ausblick #3: Angestellte Ärzte

Nach 10 Jahren als Präsident der Ärztekammer für Wien und 5 Jahren als Präsident der Österreichischen Ärztekammer endet meine Amtszeit in den nächsten Wochen. Ich möchte deshalb in einer Serie von Blogs auf die letzten 10 Jahre zurückblicken und in einer bewusst öffentlichen Übergabe einen Ausblick wagen, welche Herausforderungen und Aufgaben die Ärztekammer in den nächsten Jahren erwartet.

Angestellte Ärzte

Die Rolle der Kurie der Angestellten Ärzte hat sich in den letzten Jahren massiv zum Besseren verändert. Noch vor 15 Jahren war die Ärztekammer in erster Linie Vertretungsorgan der Niedergelassenen (Kassen)Ärzte. Die Interessensvertretung der Spitalsärzte lag bei den Personalvertretungen und Gewerkschaften. Die Arbeitszeiten in den Spitälern waren de facto unbegrenzt und besonders in Urlaubszeiten haben zu viele Kollegen oft ganze Wochen in den Krankenhäusern verbracht, um mit der Fülle der Aufgaben zurecht zu kommen . Erst mit dem Implementieren von Krankenanstaltenarbeitszeitgesetzen (KAAZG) gab es gesetzliche Grenzen, wobei diese für viele Jahre zu großzügig für die Träger waren. Die europäischen Richtlinien (beschlossen bereits 2003) wurden in Österreich nicht umgesetzt. Erst eine Meldung an die EU Behörden, verfasst von Marina Hönigsschmid und Ernest Pichelbauer, brachte den notwendigen Druck von Seiten der EU und Österreich wurde verpflichtet die Gesetze den EU Vorgaben anzupassen. In der Folge der gesetzlichen Arbeitszeitverkürzung auf eine durchschnittlich Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden, noch immer mehr als in sämtlichen anderen Berufen gearbeitet wird, konnten wir notwendige signifikante Gehaltserhöhungen erkämpfen. Die Ärztekammer spielte hier eine wesentliche Rolle: Durch professionelle Zusammenarbeit mit den Vertretungen in den Häusern und an der MedUni wurde es möglich spürbare Protestaktionen im Rahmen der Kampagne „Schützen wir unsere Spitäer“ zu organisieren. Die Ärztekammer war federführend bei der Veranstaltung von Versammlungen zB im Museumsquartier im Jänner 2015 oder der Eingangshalle des AKH und Protestaktionen bis zum „Gemeindespitälerstreik 2016“, der seinen Abschluss in einer höchst erfolgreichen Versammlung Tausender auf dem Stephansplatz fand. Es kam dann zu noch nie dagewesenen Gehaltserhöhungen von bis zu 30%, die den Einkommensverlust durch die Arbeitszeitverkürzung ausgeglichen haben.

In den vergangenen Jahren hat sich eine Kooperation zwischen Ärztekammer und Gewerkschaften die Offensive Gesundheit gebildet, wo gemeinsam auf Missstände und Verbesserungsbedarf im Gesundheitswesen hingewiesen wird. Gelungen ist beispielsweise der Kampf um 250 mehr Ärzte-Stellen im Gesundheitsverbund. Allerdings sehe ich noch Bedarf für Verbesserungen.

Ausblick

In den letzten Jahren haben sich die Arbeitsbedingungen und Einkommen in allen Wiener Spitälern deutlich verbessert. Doch noch immer entscheiden sich ca. ein Drittel der AbsolventenInnen des Medizinstudiums für einen Arbeitsplatz im Ausland, weshalb wir unbedingt auch künftig darauf achten müssen die Arbeitsbedingungen so zu verbessern, dass wir in Österreich attraktiver sind als die Alternativen. In ganz Europa gibt es einen Ärztemangel, der dazu führt, dass es zu einem Wettlauf um in Österreich ausgebildete Mediziner kommt. Nur bessere Bedingungen als in Deutschland oder der Schweiz können hier helfen den Nachwuchs in Österreich zu halten. Am Ende brauchen die Wiener Spitalsärzte mehr Zeit für den einzelnen Patienten und das wird nur durch mehr Personl möglich sein. Beginnen würde ich mit der Entlastung der Notfall-, Kinder- und Unfallchirurgischen-Ambulanzen, aber auch eine realistische Dienstplanerstellung, denn die SOLL/IST Liste ist in vielen Spitälern schon bei der Erstellung falsch. Außerdem sollte die Ausbildungszeit dringend mit 20% in der Dienstplanerstellung eingerechnet werden. Um erfahrene Ärzte auf Werksvertragsbasis in Wien zu halten, sollte eine Reduktion der Nachtdienste für über 50-jährige versucht werden. Und eine Maßnahme, die man sofort umsetzen kann: Mehrfachprimariate sollte es nicht mehr geben. Jede einzelne dieser Organisationseinheiten, sowie jede dort arbeitende Person, hat die Wertschätzung, den Respekt und die Toleranz verdient, über eine Abteilungsleitung zu verfügen, die sich Vollzeit und uneingeschränkt einsetzen und damit auch tatsächlich Leitungsfunktion wahrnehmen kann.

Mit diesen Maßnahmen, für die die mindestens 250 zusätzlichen Dienstposten in den Gemeindespitälern schon ein wichtiger erster Schritt sind, sowie leistungsgerechte, international vergleichbare Gehälter, wird es gelingen Mediziner zum Bleiben zu bewegen und damit auch den weltweiten, hervorragenden Ruf der Wiener Spitäler aufrecht zu erhalten.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde das generische Maskulinum gewählt.

Posted in

Hinterlassen Sie einen Kommentar