Bilanz und Ausblick #4: Niedergelassene Ärzte

von Thomas Szekeres

Nach 10 Jahren als Präsident der Ärztekammer für Wien und 5 Jahren als Präsident der Österreichischen Ärztekammer endet meine Amtszeit in den nächsten Wochen. Ich möchte deshalb in einer Serie von Blogs auf die letzten 10 Jahre zurückblicken und in einer bewusst öffentlichen Übergabe einen Ausblick wagen, welche Herausforderungen und Aufgaben die Ärztekammer in den nächsten Jahren erwartet.

Niedergelassene Ärzte

Im Bereich der niedergelassenen Ärzte hat sich in den letzten Jahren ein Nebeneinander von Kassenärzten und Wahlärzten etabliert. Da die Rahmenbedingungen im Gesamtvertrag schlechter geworden sind, sinkt die Zahl der Kassenärzte. Bei einer wachsenden und älter werdenden Wiener Bevölkerung eine gefährliche Entwicklung für all die, die sich einene private Zusatversicherung nicht leisten können oder wollen. Die Wiener Ärztekammer fordert seit Jahren mehr Stellen für Kassenärzte, um einen niederschwelligen Zugang sicherzustellen, aber diese Forderung wurde weder von der Wiener Gebietskrankenkasse, noch nach der Systemumstellung seitens der ÖGK erfüllt. In den letzten Jahren wurde es stetig schwieriger Kassenstellen zu besetzen. Insbesondere in Fächern wie der Allgemeinmedizin oder Kinderheilkunde. Zwar ist es der Ärztekammer unter meiner Führung gelungen Honorarerhöhungen zu verhandeln, doch leider gibt es ein historisches Missverhältnis zwischen verschiedenen Fächern, das man dringend beheben muss.

Ausblick

Die Honorare von schlechter bezahlten Fächern müssen angehoben werden, damit sich künftig ausreichend Ärzte bewerben, um die Kassenordinationen besetzen zu können. Eine Umverteilung wäre hier der falsche Weg: Es braucht mehr Geld im niedergelassenen System und die Mittel wären auch vorhanden, wenn der politische Wille vorhanden ist. Sogar im Pandemiejahr 2020 hat die ÖGK mit 12,4 Mio. Euro Gewinn bilanziert.

Ein weiteres Thema ist der Versuch von gewinnorientierten Konzernen den Markt „Gesundheit“ zu erschließen. Große Unternehmen drängen mit Ambulatorien und Krankenanstalten in das System. Es ist wichtig, dass Ordinationen, Gruppenpraxen und Primary Healthcare Center (PHC) in der Hand von Ärzten bleiben. Unternehmen können einige Jahr abwarten und sogar Defizite tolerieren, um systemrelevant zu werden. Sobald die Krankenkassen von ihnen abhängig sind, werden sie aber beginnen Forderungen zu stellen. Diese Einrichtungen würden mittel- und langfristig das System also verteuern ohne die Versorgung dort zu verbessern.

Wahlärzte, die schon alleine aufgrund ihrer Anzahl versorgungsrelevant sind, verdienen mehr Wertschätzung dafür wieviel Geld sie den Krankenkassen sparen. Anstatt über Einschränkungen zu debattieren, sollte dafür gesorgt werden, dass die Rückerstattung der Kosten durch die Kassen und das Recht Kassenüberweisungen und Kassenrezepte auszustellen gesichert wird. Dies ist zwar bisher gelungen, wird aber leider zuletzt immer wieder in Frage gestellt.

Wichtig wird auch eine verbesserte Vernetzung des Spitalsbereiches mit dem niedergelassenen Bereich sein. Leistungen müssen dort angeboten werden, wo sie medizinisch und wirtschaftlich am sinnvollsten sind. Das wird vermehrt im niedergelassenen Bereich sein. Natürlich wäre dazu auch eine gemeinsame Finanzierung des ambulanten Bereiches hilfreich, aber aufgrund der derzeitigen Finanzierung durch Krankenkassen und Bundesländer auch völlig unrealistisch.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde das generische Maskulinum gewählt.

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