Die Stunde der Mutlosen? Sind die Maßnahmen der Regierung zu zaghaft?

Erstmals seit April wurden mehr als 2.000 Neuinfizierungen pro Tag registriert.  Das bei steigenden Tests, Kontrollen in den Schulen. Es ist zu vermuten, dass die Zahlen nochmals steigen werden – manche meinen, exponentiell. Noch deutlicher ist der Anstieg an jungen Menschen, die auf Intensivstationen liegen.

Die 4. Welle ist die Welle der Ungeimpften. Nun kann man sich damit abfinden, und warten, bis alle Nicht-Geimpften sich angesteckt haben und erkrankt sind. Das wäre defätistisch. Die Impfbereitschaft ist geringer denn je. Das liegt an den Kommunikationsmaßnahmen, die im Sommer nicht in derselben Wucht durchgeführt wurden, wie in den Monaten zuvor. Das liegt aber auch an einem Bodensatz von Impfresistenten, welche die sozialen Medien perfekt bedienen. Und es liegt, auch wenn es niemand laut ausspricht, an der Zahl derjenigen, welche die Ernsthaftigkeit der Situation nicht erkennen können oder wollen.

Man weiß, -und gestern war der Tag des Analphabetismus, – dass es in Österreich 800.000 bis 950.000 funktionale Analphabeten gibt, die nicht sinnhaft Sätze erfassen können. Und man weiß, dass ein großer Teil dieser Analphabeten migrantischen Hintergrund hat. Es ist also nicht nur ein Kommunikationsproblem, es ist ein Bildungsproblem, vor dem wir stehen, und das schon seit Jahrzehnten.

Wie der Gesundheitsminister richtig erkannte, ist im Moment das direkte persönliche Gespräch der einzig vernünftige und erfolgreiche Kommunikationskanal. Dazu braucht es aber Gelegenheiten: etwa in der Schule, bei den Hausärzten und anderen Vertrauenspersonen. Diese müsste man involvieren, statt auf mediale Massenkommunikation zu setzen, die maximal ein Hintergrundgeräusch erzeugen kann.

Ob die Maßnahmen, welche die Regierung am Mittwoch verkündet hat, streng genug sind, muss bezweifelt werden. Das Ausschließen von Nicht-Geimpften aus Veranstaltungen wäre in jedem Fall effizienter. Noch dazu, da in den kommenden Wochen Großveranstaltungen anstehen, die nicht abgesagt wurden: Marathon, Donauinselfest  etc.

Ob es klug ist, derartige Massenveranstaltungen, wenn auch mit angesagten rigiden Kontrollen, durchzuführen, wird sich erweisen. Es wird sich auch erweisen, ob es möglich ist, Ungeimpfte von Geimpften in Handelsgeschäften zu unterscheiden. Der Handel hat sich dafür als nicht kompetent bezeichnet und verweist auf die Polizei, die wiederum verweist, dass sie auch genügend anderes zu tun habe. Wie so oft wird die heiße Kartoffel im Kreis herumgereicht.

Die Sinnhaftigkeit derartiger Anordnungen ist zweifelhaft. Das darf doch noch wohl gesagt werden. Wir gehen einem harten Herbst und Winter entgegen. Das sollte allen klar sein, vor allem denjenigen, die die Regeln erstellen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Posted in

Hinterlassen Sie einen Kommentar