Impfskepsis ist nicht immer Skepsis gegen das Impfen. Über die Bedeutung von Vertrauen.

Die Impfverordnungen und -verpflichtungen, wie sie in Frankreich, Italien und anderen Ländern verordnet wurden, haben zum Aufstand geführt. Die Gegner kommen aus allen Lagern: Kommunisten, Sozialisten, Rechte, Individualisten, Kleinbürger, Alte, Junge. Wenn man, wie es Soziologen getan haben, ihre Motive hinterfragt, geht es nicht immer nur um das Impfen selbst.

Es geht um ein tief verwurzeltes Misstrauen gegen die Regierenden. Die  tiefe Skepsis der Italiener gegen die Regierenden ist mehrere Jahrzehnte alt. Dasselbe gilt für Frankreich und für jene Länder wie Griechenland oder Spanien, die lange unter einer Diktatur gelitten haben. Das Volk ist skeptisch, ob die Regierenden das beste für das Volk tun wollen.

Der Protest gegen die Impfverpflichtung ist also zu einem nicht zu unterschätzenden Teil ein Protest gegen eine Regierung, zu der man kein Vertrauen hat, gegen Behörden, die man für korrupt hält, und gegen ein politisches System, das man ablehnt.

 Impfen hat also viel mit Vertrauen zu tun. Wenn man sich diejenigen Berufe anschaut,  denen die Bevölkerung am meisten vertraut, so liegen seit Jahren in Österreich an 1. bis 3. Stelle die Feuerwehren und die Ärzte. Ihnen vertraut man im hohen Ausmaß. Ihren Ratschlägen und Hilfeleistungen folgt man.

Die jüngsten Unwetterkatastrophen haben gezeigt, dass ohne Freiwillige und Berufsfeuerwehren spontane Hilfe und Rettung  nicht möglich  gewesen wäre. Ob die versprochenen Millionen für die Opfer tatsächlich rasch kommen, wie angekündigt, hingegen ,stößt bereits auf Skesis. Es fehlt das Vertrauen.

 Während der Pandemie vertrauten die Menschen vor allem ihrem Arzt, zumeist dem Hausarzt und sie vertrauten den Gesundheitssystem, sprich den tausenden Ärzten, Krankenpflegern, Krankenhäusern. Die Ärzte und die Pflegefachkräfte haben bewiesen, dass man ihnen das Vertrauen zurecht entgegenbrachte.

Hingegen ist das Vertrauen in die Regierung seit März vergangenen Jahres sukzessive gesunken. Fakt ist, das Österreich in seiner langen Geschichte der 2. Republik noch nie in so kurzer Zeit so viele Regierungen hatte, wie in den vergangenen Jahren.

Türkis – Blau, Behördenregierung, Türkis – Grün. Für österreichische Verhältnisse ist das ein rascher Wechsel. Was bedeutet das? Um Impfskeptiker zu überzeugen, bedarf es Grund- Vertrauen wiederherzustellen. Die Regierung hat viel an Vertrauen verloren, vielleicht auch aufgrund interner Konflikte oder fehlender, konziser Aussagen. Vielleicht sollte man einen neuen Kurs einschlagen und diejenigen in den Vordergrund stellen, die das größte Vertrauen haben und vielleicht geeignet sind Impfskeptiker zu überzeugen.

Die Ärzte, die Pflegefachkräfte, vielleicht auch die Lehrer. Sie sind die Personen, welche unmittelbaren Einfluss auf Eltern und Jugendliche  besitzen. Auf sie hört man. Vielleicht hilft das, um wieder Vertrauen herzustellen und diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen zu überzeugen.

 Gleichzeitig muss man Wege finden zu den Menschen zu gehen und sie dort zu impfen, wo sie am besten ansprechbar sind. Klar ist, und auch das mag in der Verantwortung der Politik liegen, dass man wesentliche Gruppen der Bevölkerung nur schwierig erreicht: Jene, die nicht deutsch können, jene, die sich segregieren und jene, die bildungsfern sind.

Doch auch hier gibt es Mediatoren. Warum setzt man sie nicht ein? Tatsache ist, wir müssen bis September/Oktober eine 80%ige Durchimpfungsquote erreicht haben, um einigermaßen sicher die nächsten Covid-Attacken zu überstehen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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