Jetzt gehts ans Eingemachte. Das österreichische Corona-Paradoxon.

Es scheint als gäbe es mehr Impfstoff als Impfwillige. Es gibt mehr Bemühungen denn je, die Impfunwilligen vor Ort abzuholen: Von Badeschiffen bis hin zu Kirchen. Auch die Apotheker haben vor einigen Wochen ihr Interesse angemeldet, sind aber zurecht abgeblitzt. Jetzt wollen sie zumindest gratis PCR-Tests anbieten. Die Ärzte zeigten von allem Anfang an ihre Bereitschaft : impfen, Pcr- und Antigentests. Schade, dass sie nicht von allem Anfang auch eingebunden und die Ordinationen zu spät mit Impfstoff versorgt wurden.

Sind und waren  das alles untaugliche Versuche? Wir stehen vor einem Corona-Paradoxon. Die Neuinfektionen durch das Virus Delta steigen in beängstigendem Ausmaß. Binnen weniger Monate hat sich das Virus über die gesamte Welt verbreitet und ist im Moment das dominierende. Nicht auszuschließen, ja im Gegenteil zu erwarten ist, dass es neue Mutationen gibt.

Soweit man bisher weiß, helfen zwei Biontech/Pfizer oder Moderna Impfungen zu etwa 90 Prozent gegen Erkrankungen und auch gegen Neuinfektionen. Deshalb erscheint es vielen rätselhaft, warum beim Impfen und der Impfbereitschaft offensichtlich die gläserne Decke erreicht ist. Die Zahl der Impfungen geht zurück, derzeit wird fast nur noch zweitgeimpft.

Dabei sprechen alle rationalen Argumente dafür, sich so rasch wie möglich impfen zu lassen und auch die Schulbehörden sollten alles Mögliche tun, um Eltern zu überzeugen, dass sie ihre 12- bis 15-Jährigen rechtzeitig vor Schulbeginn impfen lassen.

Auch hier gibt es offenbar Hemmnisse und Schwellen. So wundert man sich nicht, dass allerorten immer wieder Vorschläge zur Impfpflicht aufpoppen. Wir sind die Letzten, die für eine radikale Impfpflicht sind, allerdings sehr wohl für Impfnachweise, wie sie in vielen Ländern üblich sind.

Bestimmte Studien, Ausbildungslehrgänge, Berufe, die viel mit Öffentlichkeit zu tun haben oder Berufe im öffentlichen Dienst können in einigen Staaten -und das schon seit Jahren – ohne Impfnachweis nicht angetreten werden. Vielleicht gelingt es über diesen sanften Umweg Menschen zum Impfen zu motivieren. .

 Das zweite unabdingbare ist : Scharfe Kontrolle und forcierte Pcr-Tests flächendeckend. Vor allem am Land. Die niedergelassenen Ärzte würden sich anbieten – sie sind in Wohnortnähe, kennen die Patienten sind am ehesten befähigt impfskeptische Eltern zu überzeugen.

Denn eines ist klar. Wenn wir nicht bis zum Spätsommer eine Durchimpfungsquote von zumindest 70, manche Experten meinen sogar 80%, haben, wird es zu einer vierten Welle mit dementsprechenden Konsequenzen für den Alltag und vor allem für das Gesundheitsversorgungssystem kommen

Und ich wiederhole nochmals: Wir haben zu wenig Ressourcen in den Krankenhäusern und bei den Kassenordinationen. Das ist nicht neu, das wissen wir seit einem Jahrzehnt und noch länger. Die Appelle der vergangenen Jahre haben offensichtlich nichts genutzt. Jetzt zu improvisieren und wie von Zauberkraft Mediziner zu finden, ist illusorisch.

Denn auch der internationale „Ärztemarkt“ ist ausgesaugt. Österreich bietet noch dazu nicht ideale Konditionen für Ärzte aus den Nachbarländern oder aus dem EU-Raum.

Offensichtlich ist das Bewusstsein der Gefährdung durch Covid-19 nicht mehr so hoch, wie es schon einmal war. Es wird verdrängt. Das ist, und das wusste schon Sigmund Freud, gefährlich. Deshalb :alle kreativen Köpfe zusammen stecken  und Wege finden, sei es auch auf gesetzlicher Ebene, um die Zahl der Impfwilligen zu erhöhen und die Durchimpfungsquote zu steigern. Sonst droht ein eiskalter Herbst.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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