Können wir uns das Sparen bei der Gesundheit leisten?

Das Gesundheitssystem hat nichts mit dem BIP zu tun.

Die Ausgaben für das Gesundheitssystem sind seit einigen Jahren an das BIP-Wachstum gekoppelt. Jetzt aber haben wir – zumindest für zwei Jahre, wenn nicht länger – ein kräftiges BIP-Minus. Acht bis neun Prozent heuer. Das würde bedeuten, dass die Ausgaben ins System sinken müssten. Und das bei zu erwartenden deutlich niedrigen Einnahmen der Sozialversicherung kraft nachhaltig hoher Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit.

Und einem Anstieg von Frühpensionierung. Sparen aber wäre absurd und systemgefährdend in Zeiten einer Pandemie, wo man mehr und nicht weniger Gesundheitsversorgung benötigt..

Und das angesichts höherer Belastung denn je. Die zweite Corona-Welle ist nicht auszuschliessen. Vorhersehbar ist, dass die Zahlen weiter deutlich ansteigen werden. Einzig reelle Chance das Virus effizient zu bekämpfen und die Pandemie zu überwinden, ist ein valider Impfstoff. Der scheint in Reichweite. Also gilt es alles zu tun, um ihn rechtzeitig zu besorgen – etwa durch Abschluss von Lieferoptionen auch jenseits der Einkommensgemeinschaft der EU. Darauf ist kein Verlass. Das haben wir bereits in der Causa Masken gesehen.

Und das zweite ist: Wir brauchen mehr Personal. Die Decke ist so dünn, dass sie jederzeit einstürzen kann.

Ich begrüße deshalb die Zusage der Stadt Wien, deutlich Personal aufzustocken. Das dient der Versorgung und kommt letztendlich den Patienten zugute. Denn: Jenseits der Corona-Krise müssen wir Sorge tragen, dass der Alltagsbetrieb weitergeht, Therapien rechtzeitig durchgeführt werden können, vor allem in kritischen Bereichen wie bei Krebserkrankungen oder Herz-Kreislauferkrankungen. Oder bei Langzeittherapien wie Dialyse etc.

Das alles kostet natürlich Geld und dieses Geld muss vom Staat kommen, angesichts der finanziell miserablen Situation der Sozialversicherung – die weitestgehend nichts dafür kann.

Leidtragende der Mindereinnahmen sind einerseits die Krankenhäuser, die zu einem erklecklichen Teil von den Sozialversicherungen finanziert werden und natürlich die niedergelassenen Ärzte-sämtliche Kassenärzte werden durch die Sozialversicherung finanziert. Kassenärzte vor allem, aber auch Wahlärzte, die wiederum für die Stabilisierung der Versorgung notwendig sind.

Was nicht passieren darf: Kürzungen von Leistungen. Das wäre der Zusammenbruch eines immer noch vorbildlichen und krisenresistenten Systems.

Ich bin überzeugt, dass kein Politiker sich einem Zuschuss für die Sozialversicherungen versagen wird, ebenso bin ich überzeugt, dass es an der Zeit ist, Gesundheitsausgaben nicht mehr an das BIP anzudocken.

Jeder ist einsichtig, dass die Gesundheitsversorgung in Zukunft teurer werden wird: Corona-Krise, Demografie (bis zu 300.000 Demenzkranke bis 2050), technisch-medizinischer Fortschritt, neue effiziente Medikamente und Impfstoffe.

Was wir brauchen sind zumindest 10 bis 15 Prozent mehr. Im Übrigen wären wir dann ungefähr auf der Höhe Deutschlands und in der Nähe der Schweiz, was die Höhe der öffentlichen Gesundheitsausgaben betrifft. Das anzustreben ist wohl legitim.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Posted in

Hinterlassen Sie einen Kommentar