Kooperieren statt polemisieren und skandalisieren! Gesundheit ist kein Thema für Inszenierungen und Polemiken.

Die zunehmende Brutalisierung der Sprache und die Skandalisierung des Alltags hat nunmehr auch den Gesundheitsbereich erreicht. Statt über Themen, wie Personalnot, Herausforderung Altenpflege oder über Vorsorge, Prävention und gesunde Ernährung zu sprechen, werden Nebenfronten eröffnet, die nicht dazu angetan sind, aktuelle und dringliche Gesundheits- und Versorgungsprobleme zu lösen.

Unser Gesundheitssystem galt bis vor zehn oder zwanzig Jahren als vorbildhaft für Europa. Niederschwelliger Zugang für alle, flächendeckende Versorgung auch am Land und in Randgebieten, funktionierende Arbeitsteilung zwischen dem niedergelassenen und dem muralen Bereich, gute Gesprächsbasis bei den Sozialpartnern.

Nunmehr scheint vieles aus dem Ruder zu laufen. Gewissermaßen schleichend erfolgte eine weitgehende Privatisierung und damit der Vormarsch der Zweiklassenmedizin, das Thema Vorsorge und Frühindikation wurde vernachlässigt. Bereits vor 15 Jahren hatte man eigentlich wissen sollen, dass die demografische Entwicklung dem System zuwiderläuft: rasches Ansteigen der Lebenserwartung, Frühpensionierungen als arbeitsmarktpolitisches Instrument und jetzt die Pensionierungswelle bei den Baby-Boomern. Und bereits vor 15 Jahren war absehbar, dass Österreichs Population stärker wächst als der europäische Durchschnitt.

Heute stehen wir vor einem Dilemma – trotz oder vielleicht sogar wegen des ungeheuren Fortschritts, den die Medizintechnologie, die Pharmakologie und Epigenetik erzielt haben. Und auch wegen der Globalisierung der Informationswirtschaft. Alles scheint machbar und heilbar – die reparative Medizin ist Alltag geworden. Und damit steigen auch die Ansprüche und das Selbstbewusstsein der Patienten.

Jetzt stehen wir da: zu wenige Ärzte, zu wenige Pflegekräfte, teilweise veraltete Krankenhäuser, zu viele Akutbetten zu wenig Pflege- und Rehabilitationsbetten und -angebote. In den vergangenen 15 Jahren ist die Bevölkerung allein in Wien um fast 250.000 Menschen gewachsen – eine Stadt, wie Graz ist gewissermaßen dazugekommen, ohne, dass die Infrastruktur und das Personal angepasst wurden.

Deshalb ist es jetzt an der Zeit alle Polemiken, Fallenstellereien und sonstige scheinideologische Differenzen beiseite zu schieben und gemeinsam für ein gesünderes Österreich zu arbeiten und gemeinsam Gesundheitsversorgung neu anzudenken: ganzheitlich und holistisch, unter Einbeziehung von Vorsorge und gesundheits- und Ernährungskunde, Pflege und Rehabilitation. Es geht nicht nur um das physische Funktionieren, es geht um Wohlbefinden und darum die gesunde Lebenszeit so lange wie möglich zu erhalten.

Deshalb ein Appell – auch an die sich konstituierende neue Regierung: Gesundheitspolitik prioritär behandeln und alle Beteiligten miteinbeziehen. Auf Augenhöhe. Wir Ärzte sind bereit. 2020 muss ein Jahr des Neubeginns sein.

 

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