Länger im Lockdown, rascher impfen. Es war ein Fehler, sich auf die EU zu verlassen.

Mehrmals hat die Ärztekammer gewarnt, sich bei der Bestellung und Zustellung von Impfstoffen gegen COVID 19 ausschließlich auf die EU zu verlassen und vorgeschlagen, rechtzeitig zusätzliche Kontingente zu ordern oder Vorverträge abzuschließen. Wir wurden nicht gehört. Jetzt sind wir – im Vergleich zu UK oder Israel und den Benelux-Ländern – im Rückstand.

Solange die 7 Tagesinzidenz deutlich über 100 oder 150 liegt wie derzeit und die Zahl der täglichen Neuinfektionen nicht deutlich unter 1.000 liegt, ist an einen Lockup nicht zu denken. Das Virus würde wieder vehement zuschlagen, Contact Tracing würde nicht durchzuführen sein.

Wir brauchen eine Doppelstrategie: So viel und regelmäßig testen wie möglich, den Lockdown perpetuieren und rasch Impfstoff zu besorgen, um die besonders vulnerablen Menschen und das medizinische Personal zu schützen.

In Italien wurde das Öffnen der Skigebiete und -lifte deutlich nach hinten verschoben – offensichtlich auch unter dem Eindruck der Bilder, die man aus Österreich kannte. Bei uns ist – noch – nicht die Rede davon.

Man sollte wesentlich klarer kommunizieren. Wir dürfen uns nicht in der Hoffnung wiegen, dass sich die Situation im ersten Quartal beruhigen würde. Solange Massenimpfungen nicht durchgeführt werden können und die Durchimpfungsquote nicht über 50 oder 60 Prozent liegt, ist die Virus-Bedrohung immer noch signifikant.

Und selbstverständlich gelten noch die Grundregeln: Abstand halten, Kontakte vermeiden, möglichst viel zu Hause bleiben und von Zuhause aus arbeiten, Hygienevorschriften penibel einhalten, sich wöchentlich vorsorglich testen lassen. Kapazitäten gibt es genügend.

Zudem sollten die Regierenden ihre persönlichen Kontakte und Netzwerke nutzen, um zusätzliche Impfstoffe zu ordern, im Alleingang wenn notwendig und auch zu erhöhten Kosten. Das Impfen ist die einzige Chance, um das Virus zu bändigen. Dann erst kann die Wirtschaft und das Sozial-Freizeit- und Kulturgeschehen wiederaufleben und eine bescheidene Normalität wieder eintreten.

Bis dahin heißt es sich in Geduld und Disziplin zu üben. Es ist nun einmal so.

Noch etwas: Jeder Tag, an dem nicht geimpft wird, ist eine Belastung für das ohnehin bereits erschöpfte Gesundheitssystem. Es muss alles unternommen werden. Damit es nicht zusammenbricht.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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5 Kommentare

  1. Veröffentlich von Lüder Deecke am Januar 4, 2021 um 11:43 am

    Lieber Herr Ärztekammer_Präsident! Ihr Kommentar spricht mir aus dem Herzen. Und ich gehe bei rascher impfen noch einen Schritt. Warum können die Praktischen Ärzte, Allgemeinmediziner, Hausärzte nicht in alter bewährter Weise den Impfstoff von irgendwo kommen lassen, in alter Weise z.B. von der Apotheke und auf ecard impfen? Warum? Jetzt muss man sich von Nicht-Ärzten (eingeschult zwar aber keine Ärzte. Schwestern dürfen das nicht, da per Gesetz etwas in den Körper hineingegeben wird, da musste wohl eine Gesetzesänderung für das eingeschulte Personal herhalten, Notfall vielleicht???). Ich frage Sie hier als Präsident der Äerztekammern: Warum werden die Ärzte ü b e r g a n g e n ???
    Prof. DDr. Lüder Deecke

    • Veröffentlich von Sonja Koller, MBA am Januar 5, 2021 um 3:16 pm

      Sehr geehrter Prof. DDR: Lüner Deeke! Zu Ihrer Information ist das Wort Schwester schon seit vielen Jahren obsolet – wir sprechen vom gehobenen Dienst für Gesundheit- und Krankenpflege – DGKP. Zum anderen infomieren Sie sich bitte über die Gesetzesvorlage im GuKG – bevor Sie so ein Posting abgeben.
      Danke!
      Mit freundlichen Grüßen
      S. Koller, DGKP, MBA

  2. Veröffentlich von Dr. Hava Bugajer-Gleitman am Januar 5, 2021 um 8:25 am

    Bin vollkommen ihrer Meinung , Herr Präsident. Die EU ist für uns sehr wichtig aber es gibt Bereiche wo sie sie zu groß und unflexibel ist. Es war ein Fehler der Bürokratie der EU so ein wichtiges Thema frei zu überlassen, an Beamte die keine Verantwortung, weil nicht gewählt, tragen müssen. Jetzt sollte aber Österreich die Flexibilität eines kleineren Staates nützen und sich selbständig die Impfungen kaufen. Der Preis sollte keine Rolle spielen, Die durch frühere Durch-Impfung geretteten Leben und Unlock der Wirtschaft, machen diese Beträge lächerlich erscheinen. Klein sein ist manchmal von Vorteil gegenüber dem „EU-Elefanten“, das haben andere gezeigt.

  3. Veröffentlich von MR Dr. Hubert Lutnik am Januar 6, 2021 um 12:37 pm

    Sehr geehrter Herr Präsident,
    an Ihrem Statement gibt es nichts zu kritisieren.
    Wohl aber würde ich mir wünschen, mehr an Information, in Bezug auf mögliche Impftermine für uns niedergelassene Kolleginnen und Kollegen, zu bekommen.
    Und wenn dann der Zeitpunkt kommt, daß wir in den niedergelassenen Praxen auch impfen dürfen (sollen), möchte ich kein zweites Mal das Chaos erleben, wie es im Rahmen der Grippe-Impfaktion an der Tagesordnung stand.
    Das bedeutet, ich möchte den Impfstoff selbst in jeder beliebigen Apotheke beziehen können und nicht von Zuteilungen durch die Stadt Wien abhängig sein.
    Selbstverständlich mit der Auflage, Risikogruppen zuallererst zu impfen.

    Mit freundlichen Grüßen

    MR Dr. Hubert Lutnik

  4. Veröffentlich von Herbert Pötz am Januar 10, 2021 um 6:35 am

    Nachdem jetzt dauernd von „Eintrittstesten“ gesprochen wird – gibt’s für niedergelassene Ärzte (auch Wahlärzte) jetzt endlich Gratis-Tests? Nachdem in den Schulen jetzt auch Gratistests verteilt werden, wäre es auch doch selbstverständlich vielen Menschen den Zugang zum „Freitesten“ leichter zu ermöglichen!

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