Öffnen wir zu schnell? Trotz niedriger Infektionsraten: Die Pandemie ist nicht vorbei. Alles gleichzeitig zu lockern ist nicht ungefährlich.

Zwischen 15. Mai und 15. Juni findet, wenn man den Ankündigungen Glauben schenken kann, eine nahezu vollständige Öffnung statt: Grenzverkehr zu Deutschland und anderen Nachbarstaaten, Öffnung von Gastronomie und Hotellerie, von Sportstätten und -hallen, es soll auch wieder überschaubare Open-Air und Theaterveranstaltungen geben, ebenso wie Museen öffnen. Ist das zu rasch? Birgt es nicht die Gefahr einer zweiten staken Welle in sich? In jedem Fall: Abstand halten ist Bürgerpflicht.

In einigen Staaten scheint eine zweite Corona-Welle auszubrechen: In Wuhan, wo es wieder zu Infektionen kam, soll in den kommenden 14 Tagen die gesamte Stadt und Provinz zu 100 Prozent getestet werden, eine Stadt an der russisch-chinesischen  Grenze wurde unter Quarantäne gestellt. Es kann durchaus sein, dass mit entsprechender Verzögerung auch in Europa – und bei uns – eine zweite Welle ausbricht. Und das hieße: Runterfahren. Zumindest teilweise.

Gewiss: Für die Wirtschaft, insbesondere den Tourismus ist eine Belebung und Öffnung essenziell.  Die Hotellerie hofft auf deutsche Gäste ab Ende Juni bis in den Sommer hinein. Die Grenze ist offen. Aber auch die Binnenkonjunktur muss angekurbelt werden – noch halten sich die Österreicher zurück, immer noch unter dem Schock des Lockdown. Die Industrie muss hochgefahren werden. Die Autoindustrie steht vor einem Umbruch: Die Verkaufszahlen im tiefen Minus.

Ist das Prinzip, wonach Gesundheit über allem stehe, wieder hinfällig? Angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen und derjenigen, die in Kurzarbeit sind, wird es für den Staat immer schwerer, seine Services zu stemmen. Die Gesundheitskassen leiden unter enormen Einnahmeausfällen. Und manche selbsternannten Experten fangen schon an, über Einsparungsmöglichkeiten zu sprechen. Medizinethische Diskurse tauchen vereinzelt auf, wenn es um Menschenwürde und schützbares Leben geht, konkret  um  harte Triage. Die unabdingbare Solidarität mit den älteren Menschen bekommt Risse.

Ich bin weit davon entfernt, den Teufel an die Wand zu malen, ich möchte aber warnen. Sicherheitsmaßnahmen, Selbstdisziplin und die Verinnerlichung des Abstand halten sind wichtiger denn je. Letztendlich ist jeder einzelne aufgerufen, vernünftig zu handeln.

Wir wissen heute nicht, wie die neue Realität aussehen wird. Wir wissen eines: Pandemien, wie die aktuelle, werden keine Einzelereignisse bleiben. Die Gefahr von Virusattacken steigt parallel zur Globalisierung ständig an.

Das heißt, wir brauchen eine nachhaltige Neuaufstellung des Gesundheitssystems, einen absoluten Schwerpunkt für Prävention und Schutz (zum Beispiel Impfpflicht) und ein europaweit harmonisiertes Gesundheitssystem – zumindest von den Grundanforderungen her.

Übrigens: Wenn man die Wirtschaft nachhaltig und mit positiven Gesundheitsfolgen ankurbeln will, dann muss man jetzt Milliarden in das System investieren – sowohl in der Rekrutierung von Fachkräften und Ärzten als auch in der Investition in Pflegebetten, Therapiebetten und in die Stärkung des niedergelassenen Bereichs. Und dazu noch: Eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Forschungsgelder. Hier hat Österreich, ausgehend von einer guten Basis, hervorragende Chancen.

Bitte: Vorsicht. Abstand halten. Andere nicht gefährden.

 

 

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