Prävention statt Reaktion

In einem meiner letzten Blogs wurde bereits thematisiert, dass in unserer Gesellschaft zu wenig Wert auf die Prävention psychologischer Probleme gelegt wird. Der Bedarf an psychiatrischer Hilfe ist so groß wie noch nie, es fehlen aber zielgerichtete Maßnahmen, um eine adäquate Betreuung sicherstellen zu können.
Das Problem einer fehlenden bzw. unzureichenden Prävention ist aber nicht nur im Bereich der Psychiatrie zu beobachten, vielmehr stellt dies eine generelle Entwicklung dar, die in sämtlichen medizinischen Fachgebieten spürbar ist.

Mehr Geld für Prävention:
Wir in Österreich sind ganz vorne dabei, was die Akutmedizin betrifft. Hier macht uns kaum eine andere Nation etwas vor. Betrachtet man allerdings die Prävention, hinken wir im internationalen Vergleich doch deutlich hinterher. Unsere Krankenhäuser und Ordinationen sind oft nicht darauf ausgelegt, mögliche Krankheiten bereits im Vorhinein zu erkennen, um so Schlimmeres zu verhindern. Allerdings werden nur 0,8 % der laufenden Gesundheitsausgaben für Anbieter von Präventivmaßnahmen aufgebracht, die eben speziell darauf geschult wären. Die Tatsache, dass wir generell nur 2,1 % dieser laufenden Gesundheitsausgaben für Prävention ausgeben, spricht Bände. In beiden Bereichen gehören wir EU-weit zu den Schlusslichtern. Wir sind also eines jener Länder, das am wenigsten Geld für die Gesundheitsförderung und die damit verbundene Aufklärung ausgibt. Angesichts dieser Tatsachen sind die direkten Folgen daraus wenig verwunderlich.

Fehlende Gesundheitserziehung ab dem Kindergarten
Immer mehr Österreicherinnen und Österreicher leiden an sogenannten „Wohlstandserkrankungen“. Was zunächst wie ein seltsames Oxymoron klingt, ist keineswegs zu unterschätzen. Ausgelöst werden diese Krankheiten durch ungesundes und übermäßiges Essen in Verbindung mit zu wenig Bewegung. Eine Gesundheitserziehung vom frühen Kindesalter an gibt es nicht. Die Folgen davon sind vor allem aus kardiovaskulärer Sicht zu betrachten, so steigt die Häufigkeit von Hypertonie (also Bluthochdruck), Diabetes und Adipositas in der Bevölkerung stetig an. Diese Krankheiten, die bereits ursächlich zusammenhängen, sind dann sehr häufig die Auslöser von Schlaganfällen und Herzinfarkten.

Sehen wir uns einmal die Fakten zur Hypertonie, die relativ einfach und früh diagnostizierbar ist, genauer an. In den letzten Jahrzehnten ist die Häufigkeit von Hypertonie immer weiter gestiegen. Mittlerweile leidet mehr als jeder fünfte Österreicher darunter. Die Ursachen dafür sind weitläufig bekannt und reichen von Übergewicht, über falscher Ernährung und übermäßigem Alkoholkonsum, bis hin zu Stress. Genauso bekannt sind die Möglichkeiten zur Prävention von Bluthochdruck. Besonders die positiven Auswirkungen von Kraft- und Ausdauertraining werden hierbei häufig unterschätzt. Ebenso hilfreich ist eine Ernährungsumstellung, die auf Dauer eine Gewichtsnormalisierung bewirken soll. Das alles sind bei Gott keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, die Tatsache, dass diese Wohlstandserkrankungen dennoch stetig mehr werden, zwingt uns aber zu handeln.

Gesundenuntersuchungen ordentlich honorieren
Leider geschieht aktuell noch zu wenig. Präventive Maßnahmen von Hausärzten und Fachärzten werden nicht oder nur kaum honoriert. Prävention wird im Leistungskatalog der Sozialversicherungen meist nicht bezahlt.
Polemisch formuliert: Schafft es eine Ärztin ihre Patienten davon zu überzeugen gesünder zu leben und beugt damit Erkrankungen vor, bekommt sie das nicht bezahlt. Haben ihre Patienten akute Erkrankungen, werden diese bezahlt.

Auch wenn es schwierig werden wird, diesen Umstand zu verändern, so ist es doch notwendig. Denn eine ordentliche Honorierung von präventiven Behandlungen würde langfristig alle entlasten, auch Spitals Ambulanzen. Die Vorteile eines breit angelegten Präventionskonzeptes liegen ohnehin auf der Hand. Was wir in die Prävention investieren, spart das Gesundheitssystem langfristig und vielfach an Kosten für die Akutversorgung. Daran besteht kein Zweifel.

Doch was kann konkret gemacht werden:
Wir müssen den Leistungskatalog verändern. Beratung durch Ärzte muss honoriert werden.
Präventionsgespräche sollten als abrechenbare Zusatzpositionen deklariert sein und diese (z. B. im Rahmen einer Laborbefundbesprechung) verstärkt angeboten werden. Außerdem sollte man Mutter-Kind-Pass Untersuchungen bis zum 18. Lebensjahr verlängern und besser bezahlen.

Gleichzeitig braucht es einen besseren Zugangs der breiten Bevölkerung zu Diätberatungen und Bewegungsschulungen.

Es ist also deutlich ersichtlich, dass die Vorteile eines ausgeprägten Präventionskonzeptes nicht nur überwiegen, es gibt einfach keine Nachteile. Daher scheint mir eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik äußerst zukunftsorientiert und letztlich alternativlos.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde das generische Maskulinum gewählt.

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