Psychiater und Psychotherapeuten brauchen wir. Und Sozialbetreuer: Für Corona-Betroffene.

Europaweit nimmt die Zahl derjenigen die psychisch unter COVID 19 und den Folgen leiden zu. Die Traumatisierung entwickelt sich zu einer Bedrohung. Neben allen akuten Maßnahmen erscheint es auch wichtig, in die psychische Betreuung zu investieren: Nicht nur die der älteren Menschen, auch bei den Erziehenden, zumeist Frauen, die mehrfach belastet sind.

Es ist anzunehmen, dass ein Schulbetrieb wie in „normalen Zeiten“ auch heuer nicht möglich ist. Nahezu täglich erfolgen Infektionen in Schulen und Kindergärten. Zudem wird wieder verstärkt Home-Office betrieben, die Regierung hat sogar darum ersucht.

Was am Land weniger problematisch ist, wird in Großstädten ein Problem. Bereits heute sind mehr als die Hälfte der über 65-jährigen Singles, insgesamt liegen die Single-Haushalte in Wien bei knapp 40%.

Das heißt: Knapper Wohnraum, Arbeit und Kinderbetreuung und noch der Stress. Zudem ist die Arbeitslosigkeit bei Frauen deutlich höher als bei Männern. Viele Alleinerziehende finden kaum noch Auskommen zum Leben. Die Sozialmärkte und Betreuungsstellen der Caritas, der Diakonie und anderen Institutionen sind überlaufen bis überlastet.

Viele werden depressiv, 40% der Bevölkerung geben an, kraft Corona auch allein Alkohol zu trinken. Der private Alkoholkonsum ist gestiegen.

Menschen brauchen Betreuung, Kommunikation, das Bewusstsein, dass sie nicht alleine sind in dieser Situation. Nachdem stärker denn je Social Distancing gefordert wird, trauen sich auch deutlich weniger, vorwiegend ältere Leute, auf die Straße. Telekommunikation und web sind kein Ersatz für echte zwischenmenschliche Kontakte.

Fakt ist, dass wir in Österreich deutlich zu wenige Psychiater aber auch Psychotherapeuten haben, und auch Sozialarbeiter sind zu wenig präsent. Zudem zahlen die Krankenkassen bei psychischen Krankheiten wenig und nicht in jedem Fall. Private Psychotherapeuten sind teuer – gerade weniger gutverdienende Menschen können sich das gar nicht leisten.

Für die psychische Nachbetreuung von Corona-Genesenen wurde eine Einrichtung der Gesundheitskassen geschaffen, die jetzt schon ausgelastet ist.

Für die psychische Nachbetreuung gibt es so gut wie gar nichts.

Der Winter ist bald da – und damit eine noch stärkere Vereinsamung, weniger Licht und weniger Möglichkeiten ins Freie zu gelangen.

Als humanistische Gesellschaft, als Wohlfahrtsstaat, sind wir auch verpflichtet, uns um das Wohlbefinden der Menschen zu kümmern. Deren Traumatisierungen sind lange wirkend und enorm belastend. Wir haben ohnehin schon eine hohe Suizidrate und die Gewaltdelikte in Familien nehmen rasant zu. Vielleicht kann der Arbeitskreis „Einsamkeit“, den die Bundesregierung ins Leben gerufen hat, möglichst rasch Taten setzen. Voraussetzung: Gegen finanzielle Mittel und Ressourcen. Und stärkere Einbindung auch der Wahlärzte – Psychiatrie Kassenärzte gibt es zu wenig. Und das schon seit Jahren.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Posted in

Hinterlassen Sie einen Kommentar