Psychiatrie: Wie ein Hip-Hop Song Leben rettete und was wir daraus lernen sollten

Hip-Hop rettet Leben!
Diese doch etwas gewagt wirkende Schlussfolgerung lässt sich aus einer Studie von Thomas Niederkrotenthaler, Professor an der MedUni Wien, ziehen. Die vor etwa zwei Monaten im renommierten British Medical Journal erschienene Abhandlung kommt zu dem Ergebnis, dass ein einziger Hip-Hop-Song die Selbstmordrate in den USA um ganze 5,5 Prozent senken konnte.

Das Lied des US-amerikanischen Rappers Logic stammt aus dem Jahr 2017 und trägt den sperrigen Titel „1-800-273-8255“. Diese Zahlenfolge ist aber nicht nur der Titel eines sehr erfolgreichen Liedes, sondern gleichzeitig auch die Telefonnummer der National Suicide Prevention Lifeline, also der amerikanischen Hotline für Selbstmordprävention.
Im Musikvideo sieht man einen jungen, homosexuellen, schwarzen Mann, der sich das Leben nehmen möchte, da er die Diskriminierung, die ihm widerfährt, nicht mehr ertragen kann. Im letzten Moment wird er allerdings auf ebendiese Telefonnummer aufmerksam. Er ruft sie an und ihm wird geholfen. Schließlich ändert sich die Grundstimmung des Lieds und der Protagonist findet wieder die Kraft, um weiterleben zu wollen.

Logic arbeitete jahrelang an dieser Idee, rang er in seiner Jugend doch selbst mit Suizid-Gedanken. Nachdem ihm zudem immer wieder Fans davon berichtet hatten, dass seine Musik ihnen half, auch die schwersten Lebensphasen durchzustehen, wollte er schließlich einen Schritt weiter gehen und ein Lied schreiben, das auch tatsächliche Hilfe anbietet.
Das scheint ihm gelungen zu sein. Die Studie konzentriert sich genauer auf jene 34 Tage, in denen der Song am populärsten war (u.a. Top 3 in den US-Charts). In diesem Zeitraum wurden 9.915 zusätzliche Anrufe bei der Suizidpräventions-Hotline verzeichnet, das sind 6,9 Prozent mehr als üblich.
Noch beeindruckender: Die Zahl der Selbstmorde verringerte sich um 5,5 Prozent, das entspricht 245 Menschenleben. 245 Menschen, die jetzt noch unter uns sind. Wohl auch wegen Logic und seinem mutigen Schritt, dieses schwere Thema in einem Hip-Hop-Song zu thematisieren.

Was lässt sich also aus dieser Studie ableiten?
„Aus suizidpräventiver Sicht wäre es wünschenswert, dass Bewältigungsgeschichten viel häufiger Platz in den Medien finden“, stellt Thomas Niederkrotenthaler klar. Nur wenn diese Geschichten auch genug mediale Reichweite generieren, können sie dabei helfen, Menschenleben zu retten. Dies sei aber zu selten der Fall. Der Autor der Studie würde es begrüßen, wenn noch mehr Personen des öffentlichen Lebens den Schritt wagen, eigene Bewältigungsgeschichten publik zu machen. Wichtig sei dabei ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Thema.

Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass uns solche Studien dazu anregen müssen, immer wieder neue Wege und Methoden zu finden, die Menschenleben retten können. Eine derartige, auf den zwischenmenschlichen Fortschritt bedachte, Innovationskraft erfüllt mich mit Freude.

Gleichzeitig deckt sie aber auch Missstände in unserem System auf. Künstler können und sollen Politik und Medizin dabei unterstützen, Aufmerksamkeit auf so wichtige Themen zu lenken. Noch besser wäre es allerdings, wenn dies gar nicht notwendig wäre. Wenn offensichtliche Probleme auch ohne medialen Druck angegangen werden würden.
Es gibt nach wie vor viel zu wenig Plätze in Kinder- und Jugendpsychiatrien. Das Aufsuchen eines Psychiaters generell ist nach wie vor ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Die Förderungen dafür fehlen genauso wie die gesellschaftliche Akzeptanz. Niemand schämt sich, mit einem gebrochenen Bein zum Arzt zu gehen. Wieso ist die Scham zur Behandlung seelischer Probleme dann für viele noch immer zu groß?
Wenn man die Prävention oder auch nur das Thematisieren psychischer Probleme früh genug ansetzt, ist es deutlich wahrscheinlicher, Schlimmeres verhindern zu können. Gerade in der heutigen Zeit, in der soziale Medien einen immer größer werdenden Einfluss auf die Gesellschaft – vor allem auf die Jugend – ausüben, in der der Leistungsdruck stetig zunimmt, in der man ständig für alle erreichbar sein muss, gerade jetzt ist der Bedarf an psychiatrischer Hilfe so groß wie noch nie.

An dieser Stelle reicht es aber nicht, sich darauf zu verlassen, dass Rapper für uns in die Presche springen und die Suizidprävention für uns übernehmen. Wir müssen zielgerichtete Maßnahmen setzen, damit dem großen Bedarf an psychiatrischer bzw. psychologischer Betreuung auch professionell nachgekommen werden kann. Ich freue mich über jegliche mediale Unterstützung, die diesen Prozess beschleunigt, doch letztlich liegt es auch an der Gesundheitspolitik, jetzt adäquat auf die Situation zu reagieren!

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde das generische Maskulinum gewählt.

Das Musikvideo zum Lied von Logic auf YouTube

Link zur Studie:
https://www.bmj.com/content/375/bmj-2021-067726

Anlaufstellen in Österreich:
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 142 erreichbar.
Informationen zum Thema Suizidprävention sowie Kontakt zu Hilfseinrichtungen aus ganz Österreich sind auf https://www.gesundheit.gv.at/leben/suizidpraevention/inhalt zu finden.
Speziell an Jugendliche richtet sich www.bittelebe.at.

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