Rasch impfen. Skeptiker überzeugen. Sonst kommt die 4. Welle.

Europaweit, ja weltweit verschärft sich die Situation: Lockdowns im Fernen Osten setzen wieder ein, Notstände werden verordnet, die Delta-Variante breitet sich mit enormer Geschwindigkeit aus und ist deutlich ansteckender als die Vorgängervarianten. Die Zahl der Neuinfektionen in Österreichsteigt wieder kontinuierlich. Was uns jetzt hilft: Impfen, impfen, impfen.

Die Durchimpfungsrate in Österreich ist noch immer zu gering, um eine massive 4. Welle abzuwehren. Neben der Tatsache, dass man möglichst rasch auch die Schulkinder (12 bis 15) impfen sollte, geht es darum, die hartnäckigen Impfskeptiker zu überzeugen. Wenn das nicht gelingt, sind die Auspizien nicht gut. Das wissen alle.

Irgendwann wird es sich auch nicht vermeiden lassen, das Thema Impfnachweis anzusprechen. In vielen Staaten ist es seit Jahren Usus, dass man beispielsweise an Universitäten oder anderen höheren Schulen nur studieren kann, wenn man einen Impfnachweis vorlegt. Das gilt auch für v öffentliche Dienststellen. Das wird nun zögerlich auch in Österreich umgesetzt. Im Gesundheitsbereich überlegen mehrere Gesundheitsverbände, indirekte Impfpflicht einzuführen.

Mir geht es nicht um die Infragestellung der persönlichen Freiheit, sondern darum, wie man eine Population bestmöglich schützt. Und da gilt der Satz: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit und das Wohlbefinden der anderen gefährdet wird.

Wir sind soweit, denn die Illusion, das Virus könne irgendwann einmal verschwinden, hat sich endgültig zerschlagen – und das wissen auch immer mehr Menschen.

Biontech und Moderna haben beantragt, dass eine Auffrischungsimpfung nach 6 oder 9 Monaten befürwortet wird und auch zugelassen wird. Aus unserer Sicht scheint das notwendig, denn es zeigt sich, dass zwar die Resistenz gegen das Dela-Virus gestiegen ist, die Gefahr aber bleibt, dass Geimpfte und Infizierte das Virus weitergeben und  bei einer Erkrankung dennoch deutliche Symptome und Folgewirkungen auftreten.

Wir haben also mehrere Aufgaben zugleich: Möglichst rasch, möglichst viel Impfstoff besorgen, möglichst rasch – zumindest 80 bis 85% der Bevölkerung – zweimal zu impfen und die Auffrischungsimpfungen vorzubereiten, die bereits ab Jahresende fällig werden. Dafür braucht es Ressourcen und vor allem genügend Impfstoff und das Bewusstsein der Bevölkerung, dass man sich gegen das Virus auch in den kommenden Jahren wappnen muss.

Derzeit wird das Thema verdrängt – zu groß und zu verständlich ist die Lust auf Freiheit, Reisen, Genießen. Dennoch sollte man nicht aufhören aufzuklären, und mit Lockerungen möglichst vorsichtig umgehen.

Die Fußball EM hat gezeigt, dass Massenveranstaltungen sehr wohl auch Massenspreader sein können. Bevor alle Stadien ohne Schutzmaßnahmen geöffnet werden und sonstige Arenen, sollte man noch einmal scharf nachdenken. Kurzfristige Freude heute bringt wenig, wenn sie bereits im Herbst wieder eingedämpft ist.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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1 Kommentar

  1. Veröffentlich von Andreas sammer am Juli 14, 2021 um 7:43 am

    Sehr geehrter Herr Präsident!
    Geschätzter Herr Kollege!
    Lieber Thomas,
    Ich verfolge Ihren Blog mit Interesse, stoße aber gerade in der aktuellen Nachricht auf eine Diskrepanz mit den Nachrichten aus Übersee.
    Sie schreiben „das aus unserer Sicht die Auffrischungsimpfung in 6-9 Monaten notwendig ist“ (Zitat gekürzt) und das bis Ende des Jahres eine Auffrischung notwendig sein wird. Meine Frage, meinen Sie mit „Unserer Sicht“ die ÖÄK oder das NIG. Jedenfalls müssen „Wir“ zusammenarbeiten, daher möchte ich Sie auf einen Artikel hinweisen der ganz aktuell und nach ihrem Blog-Eintrag erschienen ist: https://www.nytimes.com/live/2021/07/12/world/covid-coronavirus-updates?te=1&nl=coronavirus-briefing&emc=edit_cb_20210712#pfizer-booster-vaccine-fda-cdc

    Wie sehen Sie das, Herr Kollege, es scheint in den USA Bedenken in Richtung Auffrischung zu geben. Wie sollen wir auf solche Nachrichten reagieren. Wie wird die ÖÄK dazu stehen, wie stehen Sie mit ihrer hier vertretenen privaten Meinung dazu. Schlagen wir einen österreichischen Weg ein, oder ziehen wir an einem internationalen Strang- sicher sinnvoller in Zeiten einer Pandemie.

    Ich verstehe die Skeptiker sehr gut, weil Wir Ärzte selten am Puls der Informationen sind und daher oft geschriebenes nicht mehr aktuell ist,noch bevor es richtig abgeschickt wurde. Das merken jene die uns anvertraut sind, unsere Patienten und verlieren das Vertrauen in uns…das wird das Ende der Ärzteschaft einleiten. Der Verlust der Ausbildungshoheit ist dazu ein weiterer Stein.
    Mit freundlichen Grüßen
    Andreas Sammer

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