Reden wir über Pflege und Rehabilitation. Das österreichische Pflegewesen ist vor dem Kollaps.

In der Pandemie wurde offensichtlich verdrängt, wie kritisch die Situation der Alten- und Krankenpflege ist. Mittlerweile nehmen viele Pflegeanstalten keine Patienten mehr auf, nicht weil sie keine Zimmer frei hätten oder Betten, sondern weil das Personal fehlt.

Viele Familien sehen sich – bedingt auch durch die Pandemie – nicht mehr in der Lage, ihre Angehörigen zu betreuen. Dazu kommt, dass der Rehab- und Pflegebedarf durch das Virus nochmals gestiegen ist – wir reden über Long-Covid und die Folgen, deren gewaltige Dimensionen wir heute gar nicht abschätzen können. Dazu kommt noch die steigende Demenz.

Kürzlich würde berechnet, dass die Betreuung von Dementen, volkswirtschaftlich gesehen, etwa 2,5 Milliarden Euro pro Jahr beträgt. Auch hier: Es gibt kaum Pflegepersonal, es gibt keinen Demenzplan. Spätestens im Jahre 2030 werden wir über 200.000 demenzkranke Menschen in Österreich haben, mit deutlich steigender Tendenz wegen der höheren Lebenserwartung.

Mittelfristig fehlen über 100.000 Pflegekräfte. Gleichzeitig will mehr als die Hälfte der in der Pflege tätigen Menschen,  den Job alsbald  kündigen oder in einen anderen Beruf wechseln. Über 20% sind nahe dem Pensionsalter. Nachwuchs ist schwer zu rekrutieren. Zudem muss man die Ausbildungszeiten bedenken.

Das Arbeitsumfeld ist schwierig, Work-Life-Balance kaum möglich. Dazu kommt die niedrige Bezahlung und ein niedriges Images. Das hat sich in den vergangenen Monaten vielleicht gebessert, die Bezahlung wurde dennoch nicht angehoben. Der Pflegenotstand droht nicht. Er ist bereits da. Auch bei der sogenannten 24 Stunden Betreuung, die zu neunzig Prozent durch ausländische Kräfte  erfolgt , knirscht es. Zu Zeiten der Lockdowns konnten die Pflegerinnen teilweise nicht ausreisen. Fest steht, dass es in Zukunft schwieriger sein wird, sie nach Österreich zu holen.

Ex-Minister Rudi Anschober hatte zu Beginn seiner Amtszeit erklärt, eine Pflegereform sei das erste Anliegen, das er verwirklichen wolle. Dann kam Corona, sein Nachfolger, von der Pflegereform ist nach wie vor nur die Rede. Geschehen ist nichts.

Jetzt wird es brenzlig. 100.000ende Österreicher können nicht ordnungsgemäß gepflegt oder betreut werden, die wenigen Rehab-Anstalten, die speziell für Corona-erkrankte Menschen etabliert wurden, sind heillos überlastet.

Und die in Österreich so weit verbreitete Angehörigenpflege wird in Zukunft in dieser Dimension nicht mehr stattfinden können. Einerseits sind die Pflegenden selbst zum Großteil in einem höheren Alter, andererseits erleben wir die Fragmentierung der sogenannten klassischen Familie. Der Generationenvertrag ist nicht mehr von Relevanz.

Neben der Bekämpfung des Covid-Virus muss nun an einem konzisen Pflegekonzept gearbeitet werden, und zwar rasch. Sonst bricht das ohnehin schon fragile Pflegesystem ein. Und 100.000ende Pflegebedürftige, vornehmlich ältere Menschen, stehen allein da. Es muss gehandelt werden.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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