Schützen statt öffnen! Lockerer Lockup ist nicht verantwortbar.

Die österreichischen Spitäler haben davor gewarnt, zu rasch mit den Lockerungen des Lockdowns zu beginnen. Wir befinden uns mitten in der zweiten Welle, trotz der Ausgangssperren und Schließungen von Lokalen und Geschäften sinkt die Zahl der Neuinfektionen nur mäßig. Rechnet man die aktuelle Reduktion hoch, dann hätten wir erst Ende Dezember die kritische Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner erreicht. Damit erübrigt sich jegliche Debatte über vorzeitige Öffnungen von Gastro- und Hotellerie und persönlichen Dienstleistern. Und beim Handel müsste man extrem vorsichtig vorgehen – mit rigiden Eingangskontrollen bin hin zu Slots.

Es klingt nahezu zynisch, wenn etwa die Bergbahnbetreiber versichern, dass alles paletti sei und die Hotellerie sichere Weihnachtsferien verspricht. Das Gebot der Stunde heißt: Zurückhaltung, Kontaktvermeidung, Isolation. Und reibungslose und konsequente Durchführung der Massentests – wenn möglich mit nachfolgendem Contact Tracing.

Denn die Spitäler und das gesamte Gesundheitssystem stehen vor der wohl größten Herausforderung der Nachkriegsgeschichte. Die Kapazitäten bei der Intensivbetreuung – wir sollten nicht immer von Betten reden, die gäbe es vielleicht in genügend großer Anzahl, sondern von den Betreuungsressourcen – sind nahezu erschöpft. Es zeigt sich, dass es unabhängig vom Alter immer mehr schwere Verläufe gibt. Und wir wissen noch viel zu wenig über Folgeerscheinungen und -krankheiten.

Weihnachtstrubel und -konsum hin oder her. Massenansammlungen und Staus vor Geschäften darf es einfach nicht geben, um einen erneuten Anstieg der Krankheitsfälle zu vermeiden. Ob die Sicherheitskonzepte für die Schulen ausreichen, bezweifeln zumindest einige Experten. Lehrer beklagen sich, dass es zu wenige Schutzmasken und Hygienevorrichtungen gäbe.

Bilder von Menschenschlangen bei Punschständen und Würstelbuden lassen Angst aufkommen, in vielen Shopping-Malls vertreiben sich Menschen immer noch große Teile des Tages, statt lediglich rasch Lebensmittel oder Medikamente einzukaufen und wieder nach Hause zu gehen. Wenn die Malls unkontrolliert – und ohne effiziente Zugangskontrollen – aufgesperrt werden, sind Menschentrauben zu befürchten. Und nichts ist gefährlicher als zu große und anhaltende Nähe – trotz Masken.

Ich bin weder ein Feind des geregelten öffentlichen Lebens, noch ein Feind von direkten Begegnungen oder Feiern, aber ich weiß, dass es derzeit nicht klug ist, ja nicht vorantwortbar. Wegen ein oder zwei Wochen Konsumlust und Trubel sollten wir die Gesundheit der Österreicher und eine funktionierende Gesundheitsversorgung nicht aufs Spiel setzen. Sonst droht ein permanenter Krisenmodus bis weit ins Frühjahr hinein.

Auch beim Thema Impfen muss man realistisch sein: Vor dem 2. Quartal 2021 ist eine Durchimpfung großer Teile der Bevölkerung nicht machbar. Auch eine Impfung – die hoffentlich so viele wie möglich durchführen lassen – ist kein Wundermittel.

Also bitte: Einen spürbaren Lockdown zumindest bis zum Jahresende und Jahreswechsel.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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