Wann ist man eigentlich alt? Über Corona und Risikogruppen, Isolation und Vereinsamung…

Die Bundesregierung startet Maßnahmen gegen Einsamkeit, insbesondere bei älteren Menschen. Das wirft die Frage auf: Wann ist man alt? Ist jeder über 60 oder 65 ein Risikofall? Und was ist mit jenen Menschen – auch Ärzten und Gesundheitsmitarbeitern – die weit über 65 und 70 hinaus noch arbeiten? Und einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung des Gesundheitssystems beitragen.

Die Lebenserwartung ist deutlich gestiegen. Damit aber auch die gesunde Lebenserwartung. Menschen mit 70 sind in der Regel so fit, wie es vor 20 Jahren Menschen mit 60 waren. Sie ernähren sich gesünder, arbeiten weniger schwer körperlich und sind durch die Kommunikationsgesellschaft auch geistig stärker gefordert.

Viele ältere Menschen fühlten sich während der Corona-Pandemie, vor allem während der Lockdownphase ausgegrenzt, quasi als noli me tangere. Zu Unrecht. Wenn man sich ansieht wie hoch das Durchschnittsalter der internationalen Staatenlenker ist, dann würden fast alle zur Risikogruppe zählen.

Wir wissen alle noch nicht, welche Begleitschäden, Traumata, Depressionen und andere psychische Folgen Corona auslöst. Man sieht aber: Europaweit steigt die Zahl der Suizide, die Zahl der von Depression betroffenen. In Wien leben 50% aller Menschen über 65 Jahre in Single-Haushalten. Das fördert Isolation und Alleinsein, vor allem wenn Social Distancing gefordert ist.

Die Situation wird sich noch verschärfen: Ein Drittel der Lehrer sowie weit über ein Drittel der Krankenhausärzte und mehr als die Hälfte der Allgemeinmediziner werden in den kommenden Jahren in Pension gehen. Das verschärft den ohnehin bestehenden krassen Personalmangel – so schnell kommen Jungärzte beispielsweise nicht nach, weil 40% von ihnen ins Ausland gehen und so schnell lassen sich auch nicht Pädagogen auftreiben, welche die „alten“ Lehrer ersetzen. Dasselbe gilt für Pflegekräfte, Sozialarbeiter – überall ist der Altersdurchschnitt sehr hoch.

In Deutschland wird man das Pensionseintrittsalter auf 67 und dann auf 70 erhöhen. Sind diese Menschen dann alte Menschen? Oder sind sie vielmehr durch ihre Erfahrung notwendiger denn je?

Der alte Gesellschaftsvertrag, wonach die mittlere Generation für die Kosten der nicht mehr Erwerbstätigen aufkommt, gilt nicht mehr. Weil nicht mehr drei Generationen gemeinsam leben, sondern vier oder fünf.

Deshalb sollen wir uns nicht nur überlegen, wie man alten Menschen in ihrer Isolation und Einsamkeit hilft, sondern wie man sie so lange wie möglich im Arbeitsprozess hält. Die moderne Medizin kann dazu viel beitragen – vor allem aber ein konsequentes Vorsorgeprinzip und regelmäßige Gesundenuntersuchungen.

Auch das sollte eine Erkenntnis aus Corona sein. Gesundheitspolitisch und gesellschaftspolitisch aber auch aus der Sicht der Ökonomie. In Österreich, Frankreich und Italien gehen die Menschen am frühesten in Pension, teilweise um 5 bis 7 Jahre früher als in den skandinavischen Ländern. Das muss kein Naturgesetz sein.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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