Zu wenig Impfstoff haben wir. Nicht zu viel. Vorsicht vor falschen Beruhigungen.

Derzeit scheint es so, als hätten wir Impfstoff in Hülle und Fülle. Das Gegenteil ist wahr. Wir bräuchten  noch knapp 10 Millionen Dosen  bis zum späten Herbst, um eine genügend hohe Impfquote zu erzielen. Davon sind wir – derzeit noch – weit entfernt. Laut Gesundheitsministerium sind derzeit über 85% der ab 75-Jährigen und zwei Drittel der 65- bis 74-Jährigen voll immunisiert. Danach wird es schon lückenhafter.

Ein Großteil der jüngeren Menschen hat entweder noch keine Impfung oder nur eine erste Teilimpfung. Wir wissen, dass ausreichender Schutz gegen die Delta-Mutation des Virus nur nach zwei Impfungen gegeben ist

Wir machen es uns  derzeit relativ leicht, Öffnungen zu versprechen, Lockerungen einzuführen, Vorsichtsmaßnahmen zu erleichtern. Das beginnt beim Maskenschutz und endet bei den Abstandsregeln.

Es ist verständlich, dass die Menschen wenig Lust mehr haben Distanz zu wahren oder sich gängeln zu lassen. Es ist aber nicht verständlich, dass man nicht mit klaren Zahlen und Fakten operiert. In Österreich leben 1,2 Millionen Menschen im Alter von 12 bis 24 Jahren. Erst 27% davon sind geimpft. Kinder zwischen 12 und 16 Jahren sind mehr oder weniger gar nicht geimpft, obwohl man vermuten kann, dass sie sehr wohl infiziert werden können als auch Infektionen weitergeben.

Wir haben zwar jetzt Ferienbeginn, in zwei Monaten aber wieder Schule – hoffentlich Regelschule. Viele Staaten rund um uns beginnen bereits mit Verschärfungen. In Australien wurde Sydney komplett unter Quarantäne gestellt, dasselbe erfolgte in Lissabon.  Und bald auch in Israel mit zuletzt über 300 Neuinfektionen täglich.

Wir sollten von den anderen lernen, noch dazu in Zeiten, da Menschen wieder zu 100.000e ins Ausland auf Urlaub fahren und in drei bis vier Wochen die erste Rückkehrerwelle zu erwarten ist.

Und wir sollten deutlich darauf verweisen, dass wir keineswegs einen Überfluss an Impfstoffen haben. Bislang wurden 8,4 Millionen Impfdosen geliefert, weitere 700.000 bis 900.000 sollen noch kommen. Was dann geschieht, weiß man nicht. Ich befürchte, es wurde nicht daran gedacht, weitere Millionen zu ordern.

Nochmals: Bislang sind 4,7 Millionen Österreicher zumindest einmal geimpft. Das heißt im Umkehrschluss: Knapp  drei Millionen sind nicht geimpft (Bevölkerung unter 12 Jahren). So gut ist die Situation auch wieder nicht, als dass man beruhigt sein könnte. Und es gibt Zigtausende genesene, die nicht wieder geimpft wurden.

Wir alle wissen: Der Wettlauf gegen die Delta-Mutation wird eng. Zu gewinnen ist er nur, wenn genügend Impfstoff da ist und rasch geimpft wird. Tausende niedergelassene Ärzte warten auf Impfstoff und wären bereit,  diesen wohnortnahe zu verimpfen. Bislang sind die Erfolge dabei nicht besonders herausragend. Auch das sollte uns zu denken geben.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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